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Unterschiede zwischen chinesischen und internationalen Rechnungslegungsstandards und deren Auswirkung auf den Jahresabschluss

Unterschiede zwischen chinesischen und internationalen Rechnungslegungsstandards und deren Auswirkung auf den Jahresabschluss

Sehr geehrte Investoren, die Sie sich für den chinesischen Markt interessieren, haben Sie sich jemals gefragt, warum die Bilanz eines chinesischen Unternehmens auf den ersten Blick anders „aussieht“ als die eines vergleichbaren internationalen Konzerns? Hinter den Zahlen verbergen sich oft nicht nur unterschiedliche Geschäftsmodelle, sondern fundamentale Unterschiede in den zugrundeliegenden Rechnungslegungsregeln. Als jemand, der seit über 12 Jahren bei der Jiaxi Steuerberatungsfirma ausländische Unternehmen in China begleitet und zusätzlich auf 14 Jahre Erfahrung in Registrierungsangelegenheiten zurückblicken kann, erlebe ich täglich, wie diese Divergenzen konkrete Auswirkungen haben. Die Konvergenz der Chinese Accounting Standards (CAS) mit den International Financial Reporting Standards (IFRS) ist ein langwieriger Prozess, bei dem es immer wieder zu interessanten Reibungspunkten kommt. Dieser Artikel soll Ihnen als Investor eine Landkarte durch dieses komplexe Gelände bieten und aufzeigen, wo die wesentlichen Unterschiede liegen und wie sie die finanzielle Performance und Lage eines Unternehmens – den Jahresabschluss – beeinflussen. Denn nur wer die Regeln kennt, nach denen die Zahlen zustande kommen, kann fundierte Investitionsentscheidungen treffen.

Grundlegende Prinzipien und Ausrichtung

Der vielleicht tiefgreifendste Unterschied liegt in der grundlegenden philosophischen Ausrichtung. Die internationalen Standards (IFRS) folgen primär dem Prinzip der wirtschaftlichen Betrachtungsweise und der Entscheidungsnützlichkeit für Investoren. Das Ziel ist es, ein möglichst getreues Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage zu zeichnen, um Kapitalgebern weltweit vergleichbare Informationen zu liefern. Die chinesischen Standards (CAS) hingegen haben traditionell einen stärkeren Fokus auf Regelkonformität, Steuerberechnung und den Schutz staatlicher Interessen. Sie dienen oft auch als Instrument der Wirtschaftssteuerung. In meiner Praxis bei Jiaxi mussten wir für einen deutschen Maschinenbauer, der eine Tochtergesellschaft in China gründete, zunächst mühsam erklären, warum bestimmte, nach IFRS übliche Schätzungen und Fair-Value-Bewertungen im lokalen CAS-Abschluss nicht zulässig oder stark eingeschränkt waren. Der Steuerberater vor Ort argumentierte stets mit „Das ist laut Vorschrift nicht erlaubt“, während das internationale Management nach dem „wirtschaftlichen Sinn“ fragte. Diese unterschiedlichen Ausgangspunkte durchziehen alle nachfolgenden Detailregelungen wie ein roter Faden.

Diese Divergenz führt in der Praxis zu einem klassischen „Dual Reporting“-Ansatz. Viele international aufgestellte chinesische Unternehmen oder Joint Ventures erstellen zwei Sätze von Abschlüssen: einen nach CAS für die lokalen Behörden, die Aktionäre in China und die Steuerberechnung, und einen nach IFRS oder US-GAAP für die internationale Börsennotierung und ausländische Investoren. Die Überleitung (Reconciliation) zwischen beiden kann erhebliche Abweichungen offenbaren, etwa beim ausgewiesenen Gewinn oder Eigenkapital. Für Investoren ist es daher unerlässlich zu wissen, welchem Regelwerk der vorliegende Abschluss folgt. Die zunehmende Annäherung der CAS an die IFRS in den letzten Jahren hat diese Kluft verkleinert, aber bei weitem nicht beseitigt. Besonders in Bereichen, die sensible nationale Interessen oder makroökonomische Steuerungsziele berühren, bleibt China eigenständig.

Bewertung von Sachanlagen

Bei der Bilanzierung von Sachanlagen wie Maschinen, Gebäuden oder Fahrzeugen zeigen sich praxisrelevante Unterschiede. Nach IFRS können Unternehmen grundsätzlich zwischen dem Anschaffungskostenmodell und dem Neubewertungsmodell wählen. Letzteres erlaubt, Sachanlagen regelmäßig auf ihren beizulegenden Zeitwert (Fair Value) neu zu bewerten, wertsteigernde Unterschiede werden direkt im Eigenkapital erfasst. Dies kann die Bilanzsumme und Kennzahlen wie die Eigenkapitalquote erheblich beeinflussen. Nach CAS ist das Neubewertungsmodell deutlich restriktiver und seltener anwendbar. In der Regel gilt das strikte Anschaffungskostenprinzip, abzüglich planmäßiger Abschreibungen und außerplanmäßiger Wertminderungen (Impairment).

Ein konkretes Beispiel aus meiner Beratungstätigkeit: Ein europäischer Investor besaß ein Fabrikgrundstück in einer chinesischen Sonderwirtschaftszone, das über die Jahre enorm an Marktwert gewonnen hatte. Im IFRS-Konzernabschluss der Mutter konnte diese Wertsteigerung unter bestimmten Umständen aktiviert werden und stärkte die Bilanz. Im lokalen CAS-Abschluss der chinesischen Tochtergesellschaft blieb das Grundstück jedoch weiterhin zu historischen Anschaffungskosten minus Abschreibung ausgewiesen. Für einen Investor, der nur den CAS-Abschluss sieht, bleibt dieser stille Reserven bedeutende Wert verborgen. Umgekehrt kann die strengere Handhabung von Wertminderungen nach CAS dazu führen, dass Abschreibungen früher oder in höherem Maße erfasst werden müssen als nach IFRS, was den Gewinn belastet. Diese unterschiedlichen Bewertungsphilosophien machen einen direkten Vergleich von Bilanzkennzahlen wie der Anlagenintensität oder der Kapitalrendite (ROA) zwischen rein chinesischen und internationalen Unternehmen schwierig.

Treatment von Forschung und Entwicklung

Der Umgang mit Forschungs- und Entwicklungskosten (F&E) ist ein Schlüsselbereich, der die Aussagekraft der Gewinn- und Verlustrechnung stark beeinflusst. IFRS unterscheidet strikt zwischen Grundlagenforschung (Forschung) und angewandter Entwicklung. Forschungskosten müssen sofort als Aufwand erfasst werden. Entwicklungskosten dürfen – aber müssen nicht – aktiviert werden, wenn eine Reihe strenger Kriterien erfüllt sind (technische und kommerzielle Erfolgswahrscheinlichkeit, Absicht und Fähigkeit zur Fertigstellung etc.). Dies erlaubt technologieintensiven Unternehmen, einen Teil ihrer Zukunftsinvestitionen in der Bilanz zu aktivieren und über die Nutzungsdauer abzuschreiben.

Die CAS-Regelung war historisch viel konservativer: Sämtliche F&E-Aufwendungen mussten sofort erfolgswirksam verbucht werden. In den letzten Jahren gab es eine Annäherung, doch die Hürden für eine Aktivierung nach CAS bleiben in der Praxis oft höher. Für Investoren in chinesische Hightech- oder Biotech-Unternehmen hat dies erhebliche Konsequenzen. Ein Unternehmen, das nach CAS bilanziert, weist in den frühen, verlustreichen Forschungsjahren tendenziell höhere Aufwendungen und niedrigere Vermögenswerte aus als ein vergleichbares Unternehmen unter IFRS. Das kann die Gewinnentwicklung verzerren und Kennzahlen wie die Eigenkapitalrendite (ROE) in den Gründungsphasen unattraktiv erscheinen lassen. Es erfordert also eine sorgfältige Bereinigung der Zahlen, um die tatsächliche Investitionskraft und den Wert des F&E-Pipelines zu beurteilen. In Gesprächen mit CFOs solcher Unternehmen höre ich oft den Stoßseufzer, dass diese Regelung die Abbildung des wahren Unternehmenswerts im Jahresabschluss erschwere.

Bilanzierung von Leasingverhältnissen

Die Leasingbilanzierung ist ein Musterbeispiel für konzeptionelle Unterschiede. Seit der Einführung von IFRS 16 werden nahezu alle Leasingverhältnisse für den Leasingnehmer (Lessee) als „Financing Lease“ behandelt. Das bedeutet: Der Leasinggegenstand (z.B. eine Maschine oder ein Bürogebäude) wird als Vermögenswert aktiviert und die Leasingverpflichtung als Verbindlichkeit passiviert. Die Bilanz wird also „dicker“, und es entstehen sowohl Abschreibungen als auch Zinsaufwendungen. Unter den alten Regeln (und noch immer in vielen CAS-Anwendungen für bestimmte Leasingarten) gab es die Unterscheidung zwischen Operating Lease (blieb bilanzneutral) und Finance Lease (bilanzwirksam).

Für Investoren, die chinesische Unternehmen analysieren, die viele Betriebsstätten oder Fahrzeuge leasen, ist dieser Punkt kritisch. Ein nach CAS bilanzierendes Unternehmen darf einen Operating Lease oft weiterhin nur als periodische Mietaufwendungen in der GuV erfassen. Seine Verschuldung (Leverage) erscheint dadurch in der Bilanz künstlich niedrig, und Kennzahlen wie die Gesamtkapitalrendite (ROIC) können verzerrt sein. Bei der Due Diligence für einen privaten Equity-Investor, der in eine chinesische Logistikfirma investieren wollte, war genau dies ein zentraler Punkt. Wir mussten die über 200 Leasingverträge für Lagerhallen und Lkws „umrechnen“, um ein IFRS-konformes Bild der tatsächlichen finanziellen Verpflichtungen und der assets under control zu erhalten. Das Ergebnis war eine deutlich höhere Verschuldungsquote, die die Verhandlungen über die Bewertung beeinflusste. China führt schrittweise neue Leasingstandards ein, die IFRS 16 ähneln, doch die Übergangsregelungen und praktische Umsetzung sorgen noch für Unterschiede.

Unterschiede zwischen chinesischen und internationalen Rechnungslegungsstandards und deren Auswirkung auf den Jahresabschluss

Bewertung von Finanzinstrumenten

Die Bilanzierung und Bewertung von Finanzinstrumenten ist ein hochkomplexes Feld, in dem die Unterschiede zwischen CAS und IFRS besonders ausgeprägt sind. IFRS folgt hier stark einem Fair-Value-Ansatz, insbesondere für handelbare Wertpapiere und Derivate. Wertschwankungen werden je nach Kategorie entweder direkt in der Gewinn- und Verlustrechnung oder im sonstigen Ergebnis erfasst (OCI – Other Comprehensive Income). Dies führt zu einer volatileren Ergebnisentwicklung, bildet aber marktnahe Werte ab. Die CAS sind hier traditionell vorsichtiger und bevorzugen oft weiterhin das Anschaffungskostenprinzip. Die Möglichkeiten, Finanzinstrumente zum beizulegenden Zeitwert zu bewerten, sind eingeschränkter, und Wertänderungen werden seltener unmittelbar erfasst.

Stellen Sie sich ein chinesisches Unternehmen vor, das einen großen Portfolio an Aktienbeteiligungen hält. Nach IFRS müsste dieses Portfolio regelmäßig mark-to-market bewertet werden. Kursgewinne und -verluste würden die Bilanz und GuV direkt beeinflussen. Nach CAS könnte dasselbe Portfolio möglicherweise lange zu historischen Kosten fortgeführt werden, bis ein dauerhafter Wertverlust offensichtlich ist oder die Aktie verkauft wird. Für den Investor bedeutet das: Im CAS-Abschluss können erhebliche stille Reserven oder stille Lasten in den Finanzinvestitionen schlummern, die erst bei Realisation sichtbar werden. Dies macht die Analyse der tatsächlichen Performance des Finanzmanagements und des gesamten Unternehmenswertes schwierig. Es erfordert einen Blick in die Anhangsangaben und oft eigene Schätzungen. In der heutigen Zeit, in der viele Unternehmen auch in Kryptowerte oder andere volatile Assets investieren, wird diese Divergenz in der Abbildung noch relevanter – und für den Analysten anspruchsvoller.

Abschluss und Ausblick

Die Unterschiede zwischen chinesischen und internationalen Rechnungslegungsstandards sind kein bloßes akademisches Thema, sondern haben handfeste Konsequenzen für die Beurteilung von Unternehmen. Wie wir gesehen haben, betreffen sie die Bewertung von Vermögen, die Erfassung von Schulden, die Periodisierung von Aufwendungen und letztlich alle zentralen Leistungskennzahlen wie Gewinn, Eigenkapitalrendite und Verschuldungsgrad. Für Investoren bedeutet dies: Ein oberflächlicher Vergleich von Zahlen über Ländergrenzen hinweg ist irreführend. Erfolg verspricht nur eine tiefgehende Analyse, die die zugrundeliegenden Rechnungslegungsprinzipien versteht und gegebenenfalls bereinigt.

Der Trend der Konvergenz wird sich fortsetzen, getrieben durch die Globalisierung der Kapitalmärkte und Chinas Bestreben, ausländisches Investment anzuziehen. Dennoch wird China wahrscheinlich auch weiterhin eigene Akzente setzen, wo es um wirtschaftspolitische Steuerung oder spezifische nationale Gegebenheiten geht. Meine persönliche Einschätzung nach über 25 Jahren im Feld ist, dass die größte Herausforderung für internationale Investoren künftig weniger in den groben Prinzipienunterschieden liegen wird, sondern in den Detailregelungen und der praktischen Anwendung durch lokale Wirtschaftsprüfer und Behörden. Die „Grauzonen“ der Interpretation werden bleiben. Daher ist mein Rat: Bauen Sie sich ein kompetentes Team auf, das sowohl die internationalen Standards als auch die chinesische Praxis und deren „Geist“ versteht – oder arbeiten Sie mit erfahrenen Beratern wie uns bei Jiaxi zusammen. Nur so können Sie die Zahlen wirklich zum Sprechen bringen und die Risiken und Chancen chinesischer Investments fundiert bewerten.

Zusammenfassende Einschätzung der Jiaxi Steuerberatung

Bei der Jiaxi Steuerberatung begleiten wir seit vielen Jahren internationale Investoren und Unternehmen bei der Navigation im komplexen Geflecht aus CAS und IFRS. Unsere Erfahrung zeigt: Die Kenntnis der Unterschiede ist nicht nur für die bilanzielle Abbildung, sondern auch für die Steuerplanung, Due Diligence bei M&A-Transaktionen und die Kommunikation mit Stakeholdern entscheidend. Ein CAS-Abschluss ist oft der maßgebliche Ausgangspunkt für die steuerliche Gewinnermittlung in China, während der IFRS-Abschluss für die internationale Berichterstattung dient. Die daraus resultierenden temporären Differenzen in der Bewertung von Vermögenswerten und Schulden erfordern ein durchdachtes Steuerplanungs- und Reporting-System (Stichwort: latente Steuern). Wir raten unseren Mandanten stets zu einem proaktiven, integrierten Ansatz: Die Buchhaltung und das Reporting sollten von Anfang an so aufgesetzt werden, dass beide Anforderungswelten – die lokale CAS/Steuer-Compliance und die internationale IFRS-Berichterstattung – effizient bedient werden können. Versäumnisse hier führen später zu kostspieligen Anpassungen und potenziellen Risiken. Letztlich geht es darum, durch Klarheit und Transparenz in der Rechnungslegung Vertrauen bei Investoren aufzubauen – und das ist in jedem Markt die wichtigste Währung.

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