Einleitung: Der Schlüssel zur Profitabilität in der "Werkbank der Welt"
Sehr geehrte Investoren, die Sie ein Auge auf den chinesischen Fertigungssektor geworfen haben, herzlich willkommen. Mein Name ist Liu, und ich blicke auf über 26 Jahre Erfahrung zurück – 12 Jahre in der direkten Betreuung ausländischer Unternehmen bei der Jiaxi Steuerberatungsfirma und weitere 14 Jahre in der operativen Registrierungsabwicklung. In dieser Zeit habe ich unzählige Produktionsstätten von der Gründung bis zur Reife begleitet. Ein Thema, das dabei immer wieder den entscheidenden Unterschied zwischen florierenden Unternehmen und solchen, die nur mühsam über die Runden kommen, ausmacht, ist die professionelle und durchgängige Kostenkalkulation. Viele internationale Investoren sehen zunächst die offensichtlichen Stärken Chinas: Skaleneffekte, eine komplettierte Lieferkette und scheinbar transparente Arbeitskosten. Doch das wahre Verständnis dafür, wo und wie in einem chinesischen Fertigungsunternehmen Wert geschaffen und leider auch vernichtet wird, liegt oft im Verborgenen – in den Kalkulationsmethoden.
Die "Werkbank der Welt" hat sich weiterentwickelt. Während früher der reine Kostenwettbewerb im Vordergrund stand, geht es heute um präzises Kostenmanagement, um Qualität, Flexibilität und Innovationsgeschwindigkeit zu finanzieren. Eine schwammige Kalkulation führt nicht nur zu falschen Preisentscheidungen, sondern verschleiert auch Ineffizienzen in der Produktion, im Einkauf und im Overhead. Für Sie als Investor ist es daher unerlässlich zu verstehen, nach welchen Spielregeln Ihre potenziellen Partner oder Portfoliounternehmen ihre Kosten ermitteln. Dieser Artikel soll Ihnen einen detaillierten Einblick in die Umsetzungsschritte und gängigen Methoden geben – nicht aus der Perspektive trockener Lehrbücher, sondern durch die Linse praktischer Erfahrungen und realer Fallstricke, die ich im Laufe der Jahre sammeln konnte.
1. Grundlage: Die Kostenartenanalyse
Bevor man überhaupt mit dem Rechnen beginnt, muss man wissen, was man alles rechnen muss. In chinesischen Fertigungsbetrieben wird traditionell zwischen drei Hauptkostenarten unterschieden, die jedoch in der Praxis oft unscharf abgegrenzt werden. Materialeinzelkosten sind hier meist der transparenteste Posten: der reine Materialverbrauch für ein Produkt. Die Krux liegt im Detail: Beziehen sich diese Kosten auf den Einkaufspreis, den gewogenen Durchschnittspreis der Lagerbestände oder die aktuellen Marktpreise? Ich erinnere mich an einen deutschen Maschinenbauer, der ein Joint Venture in Suzhou führte. Die Kalkulation basierte auf historischen Materialpreisen, und als die Stahlpreise plötzlich anzogen, waren die kalkulierten Produktkosten schlichtweg falsch, was zu erheblichen Verlusten bei Langzeitverträgen führte.
Die zweite Kategorie, die Fertigungseinzelkosten, also der direkte Lohn der am Fließband arbeitenden Mitarbeiter, scheint einfach. Doch hier spielen Sozialabgaben, Überstundenzuschläge und saisonale Bonuszahlungen (wie das obligatorische 13. Monatsgehalt) eine enorme Rolle. Ein Fehler, den ich oft sehe, ist die Nichtberücksichtigung der steigenden gesetzlichen Mindestlöhne und Sozialversicherungsbeiträge in der mittelfristigen Kalkulation. Die dritte und tückischste Kategorie sind die Gemeinkosten. Dazu zählen Miete, Abschreibungen auf Maschinen, Energie, indirektes Personal (Qualitätskontrolle, Logistik) und Verwaltung. Die Kunst – und hier scheitern viele – liegt in einer sauberen und nachvollziehbaren Umlage dieser Gemeinkosten auf die einzelnen Produkte. Ohne diese fundamentale Analyse aller Kostenarten ist jede weitere Kalkulation nur Stochern im Nebel.
2. Die Wahl der Kalkulationsmethode
Nach der Analyse folgt die Systematik. In China dominieren nach wie vor zwei Methoden: die Divisionskalkulation für die Massenproduktion homogener Güter (z.B. Chemikalien, Standardstahlteile) und die Zuschlagskalkulation für die Einzel- und Serienfertigung. Die Divisionskalkulation ist relativ simpel: Gesamtkosten einer Periode werden durch die produzierte Menge geteilt. Das Problem dabei ist die Vernachlässigung von Unterschieden in der Komplexität verschiedener Produktionsschritte. Die Zuschlagskalkulation ist da feiner. Hier werden die direkten Material- und Fertigungskosten erfasst, und die Gemeinkosten werden via Zuschlagssätzen auf die Produkte verteilt – etwa ein Maschinenstundensatz für Fertigungsgemeinkosten oder ein Materialgemeinkostenzuschlag.
Die Gretchenfrage lautet: Wie werden diese Zuschlagssätze ermittelt? In moderneren Betrieben setzt sich langsam die Prozesskostenrechnung (Activity-Based Costing, ABC) durch, bei der Gemeinkosten auf konkrete, wertschöpfende Aktivitäten (z.B. "Maschine einrichten", "Qualitätsprüfung durchführen") zurückgeführt werden. Ein Klient von uns, ein Zulieferer für die Automobilindustrie in Changchun, hatte jahrelang mit einer pauschalen Umlage gearbeitet. Nach der Umstellung auf ABC stellte er fest, dass einige kleine, aber komplexe Sonderteile seine Profitabilität massiv auffraßen, weil sie überproportional viele Rüst- und Prüfaktivitäten verursachten. Diese Erkenntnis ermöglichte erst eine gezielte Preisanpassung und Prozessoptimierung. Die Wahl der Methode ist also keine rein buchhalterische Entscheidung, sondern eine strategische.
3. Die Erfassung der Ist-Kosten
Die Theorie ist das eine, die betriebliche Realität das andere. Die eigentliche Herausforderung beginnt mit der lückenlosen und genauen Erfassung der tatsächlich angefallenen Kosten. In vielen mittelständischen chinesischen Fabriken geschieht dies noch stark manuell: Materialentnahmescheine werden von Hand ausgefüllt, Arbeitszeiten in Excel-Listen erfasst. Das ist fehleranfällig und zeitverzögert. Immer mehr Unternehmen investieren daher in MES-Systeme (Manufacturing Execution Systems), die Materialverbrauch und Maschinenlaufzeiten in Echtzeit erfassen. Das ist ein Quantensprung für die Genauigkeit der Kalkulation.
Ein persönliches Erlebnis: Ein Schweizer Investor war unzufrieden mit den schwankenden Margen seines Joint Ventures in Dongguan. Bei der Überprüfung stellten wir fest, dass der Ausschuss und der Nacharbeitsaufwand nur geschätzt und nicht produktspezifisch erfasst wurden. Ein nicht unerheblicher Teil der Material- und Arbeitskosten "versickerte" so in pauschalen Verlustposten. Erst nach der Installation einfacher Barcode-Scanner an den Arbeitsstationen, mit denen jeder Ausschussgrund und jede Nacharbeitsminute einem konkreten Auftrag zugeordnet werden konnte, wurde das wahre Kostenbild klar. Die Erfassung der Ist-Kosten ist die unverzichtbare Datengrundlage, um Soll-Ist-Abweichungen analysieren und die Kalkulation stetig verbessern zu können. Ohne verlässliche Daten ist auch die ausgefeilteste Methode wertlos.
4. Die Preiskalkulation und Angebotserstellung
Die ermittelten Selbstkosten sind die Basis, aber noch lange nicht der Verkaufspreis. Hier kommt die Markt- und Konkurrenzsituation ins Spiel. Chinesische Hersteller, besonders im Export, operieren oft in hocheffizienten, aber auch hocheffizient umkämpften Märkten. Die reine Kosten-plus-Marge-Kalkulation ("Cost-Plus") stößt hier schnell an Grenzen. Stattdessen wird häufig eine Zielkostenrechnung (Target Costing) praktiziert, insbesondere bei Kunden mit großer Marktmacht: Vom erzielbaren Marktpreis wird die gewünschte Marge abgezogen, und die Differenz bildet das Ziel für die maximal erlaubten Herstellkosten. Dieser Druck wird dann an die Konstruktion und den Einkauf weitergegeben.
In der Angebotserstellung für neue Kunden sehe ich oft einen spannenden Mix aus Kalkulation und Verhandlungsgeschick. Ein erfahrener Vertriebsleiter wird nie seine detaillierte Kalkulation offenlegen, sondern mit Pauschalposten oder leicht verschleierten Zuschlägen arbeiten, um Spielraum für Verhandlungen zu haben. Ein Fehler, den ausländische Manager manchmal machen, ist, diesen kulturellen Aspekt der "flexiblen Kalkulation" nicht zu verstehen. Es geht nicht um Betrug, sondern um die Aufrechterhaltung von Verhandlungsspielraum in einem Umfeld, in dem fast jeder Preis verhandelbar ist. Die finale Preiskalkulation ist somit immer ein diplomatischer Akt zwischen interner Kostentransparenz und externer Marktrealität.
5. Kontrolle und laufende Verbesserung
Kostenkalkulation ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Regelkreis. Der letzte, entscheidende Schritt ist die kontinuierliche Soll-Ist-Vergleichsanalyse. Warum lagen die tatsächlichen Materialkosten 5% über der Kalkulation? Lag es an gestiegenen Einkaufspreisen, höherem Ausschuss oder Diebstahl? Wurden die Maschinenstundensätze durch ungeplante Stillstände überschritten? Diese Analyse muss monatlich, idealerweise sogar pro Auftrag, durchgeführt werden.
In einem meiner erfolgreichsten Beratungsprojekte für einen amerikanischen Elektronikhersteller in Shenzhen haben wir genau diesen Prozess etabliert. Ein cross-funktionales Team aus Controlling, Produktion und Einkauf traf sich monatlich zur "Kosten-Klausur". Jede signifikante Abweichung wurde bis zur Ursache zurückverfolgt. Das führte nicht zu Schuldzuweisungen, sondern zu konkreten Verbesserungsmaßnahmen: Die Neuverhandlung mit einem Zulieferer, die Optimierung eines Fertigungsparameters zur Reduzierung des Energieverbrauchs, die Schulung eines Mitarbeiters zur Senkung des Ausschusses. Dieser Schritt der Kontrolle und des Lernens verwandelt die Kostenkalkulation von einem passiven Buchhaltungsinstrument in ein aktives Managementwerkzeug zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Ohne ihn bleibt die beste Kalkulation ein theoretisches Konstrukt.
Zusammenfassung und Ausblick
Wie wir gesehen haben, ist die Kostenkalkulation in chinesischen Fertigungsunternehmen ein mehrstufiger, lebendiger Prozess, der von der grundlegenden Kostenartenanalyse über die Wahl einer geeigneten Methode und präzisen Datenerfassung bis hin zur strategischen Preisfindung und konsequenten Kontrolle reicht. Für Sie als Investor ist es ein entscheidendes Due-Diligence-Kriterium: Ein Unternehmen, das seine Kosten nicht im Griff hat, wird auf Dauer keine nachhaltigen Margen erwirtschaften können, egal wie günstig die Ausgangsbedingungen scheinen.
Meine persönliche Einschätzung für die Zukunft ist, dass die Digitalisierung (Stichwort: Industrie 4.0, IoT) diesen Prozess weiter revolutionieren wird. Die Echtzeit-Kalkulation auf Basis von Live-Daten aus der Fertigung wird immer mehr zum Standard werden. Gleichzeitig wird der Druck, auch ökologische und soziale Kosten ("ESG-Kosten") in die Kalkulation zu integrieren, steigen – ein Thema, das für viele chinesische Hersteller noch Neuland ist. Investoren, die diese Entwicklung im Blick haben und Partner suchen, die ihre Kalkulationssysteme entsprechend modernisieren, werden langfristig im Vorteil sein. Es reicht nicht mehr, nur den Preis zu kennen. Man muss verstehen, wie er zustande kommt und wie er sich morgen ändern könnte.
Einschätzung der Jiaxi Steuerberatung
Aus unserer 26-jährigen Praxis bei der Jiaxi Steuerberatung für ausländische Investoren in China betrachten wir eine professionelle Kostenkalkulation nicht nur als betriebswirtschaftliche Notwendigkeit, sondern als zentralen Stabilitätsfaktor für jedes Fertigungsinvestment. Viele der von uns betreuten erfolgreichen Unternehmen zeichnen sich durch eine tiefe Integration von Kalkulationswissen in ihre Entscheidungsprozesse aus – vom Einkauf über das Produktdesign bis zur Vertragsgestaltung. Die größten Risiken sehen wir oft dort, wo die Kalkulation isoliert in der Buchhaltungsabteilung stattfindet und keinen Bezug zur operativen Realität hat. Wir empfehlen Investoren dringend, in der Due-Diligence-Phase nicht nur die historischen Finanzkennzahlen, sondern explizit die zugrundeliegenden Kalkulationsmethoden, die Qualität der Kostendatenerfassung und die Kultur der Kostenkontrolle zu prüfen. Ein Unternehmen, das hier Schwächen zeigt, birgt oft versteckte Margenrisiken, die erst in Krisenzeiten oder bei steigendem Wettbewerbsdruck voll zutage treten. Unsere Erfahrung zeigt: Wer von Anfang an Wert auf Transparenz und Systematik in der Kostenrechnung legt, legt den Grundstein für langfristige Profitabilität und Investitionssicherheit in dem dynamischen chinesischen Fertigungssektor.